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Wohin geht die Reise bei den Zinsen?

Nachdem die wichtigsten Zentralbanken der Welt, allen voran die US-amerikanische Fed und die EZB, ihre Zinsen unverändert ließen stellt sich die Frage: Wie geht es weiter mit den Zinsen? Der starke Anstieg der Zinsen seit Ende 2021 lässt sich leicht durch die gestiegene Inflation erklären, die die Zentralbanken dazu zwang, die Wirtschaft abzukühlen. Dies scheint in den USA, aber vor allem in Europa gelungen zu sein: Zum einen hat sich die Konjunktur deutlich eingebremst, zum anderen sind die Inflationsraten sowohl im Euroraum als auch in den USA rückläufig. Auch wenn sie noch nicht die gewünschte Höhe von rund zwei Prozent erreicht haben, ist absehbar, dass dies im nächsten Jahr gelingen könnte. Dementsprechend erwarten auch viele, dass die Zinserhöhungen durch die Zentralbanken ihr Ende erreicht haben, im nächsten Jahr wird sogar mit Zinssenkungen gerechnet. 

Auch wenn das genaue Ende der Zinserhöhungen und noch mehr der tatsächliche Beginn der Zinssenkungen weiterhin mit großer Unsicherheit behaftet sind, so ist dies mehr eine Frage des „Wann“ als des „Ob“. Damit stellt sich zunehmend die Frage, wie stark die Zinsen wieder sinken werden und vor allem welches Zinsniveau wir in den nächsten Jahren erreichen. Die Antwort darauf kennen wir zwar nicht, aber der Finanzmarkt bildet sich dazu seine Meinung, und diese kann man messen. Bei langfristigen Veranlagungen in Staatsanleihen entsprechen die Zinsen, die Investor:innen dafür in den nächsten Jahren jährlich bekommen, im Wesentlichen den Erwartungen über die kurzfristigen Zinsen in den nächsten Jahren.

Diese Erwartungen und damit die Zinsen für lange laufende Staatsanleihen sind in den letzten Wochen deutlich gestiegen, obwohl kurzfristig mit keinen weiteren Zinserhöhungen seitens der Zentralbanken gerechnet wird. Sollten die Zinsen jedoch weiterhin steigen, bedeutet dies aufgrund der dadurch sinkenden Anleihenkurse einen Nachteil für Anleger:innen.

Die langfristigen Zinsen sind dabei von zwei wesentlichen Faktoren abhängig: einerseits den Erwartungen über die zukünftige Inflation und andererseits von den Erwartungen der zukünftigen Realzinsen plus einer Prämie für die Unsicherheit bezüglich der Zinsen. Beim Anstieg der langfristigen Zinsen der meisten Länder des Euroraums seit Ende 2021 von über drei Prozentpunkten spielte die gestiegene Inflationserwartung mit rund 0,5 Prozentpunkten kaum eine Rolle. Entscheidend war der Anstieg der Realzinsen von 2,5 Prozentpunkten plus der Unsicherheit. Gleiches gilt für die USA. So hohe Realzinsen mussten Länder im Euroraum zuletzt während der Eurokrise und die USA während der Finanzkrise hinnehmen. Ob die Wirtschaft tatsächlich mit so hohen Realzinsen leben kann und welche Auswirkungen so hohe Realzinsen im Endeffekt haben werden, oder ob der Finanzmarkt derzeit nur unsicher ist, wohin die Reise bei den Zinsen gehen wird, werden wir sehen, jedenfalls bedeutet dies eine deutliche Belastung für Schuldner:innen, insbesondere für die Staaten.
 

Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria

Stand: 7. November 2023.

Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria

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